Lynching in den USA: Auch der Mob mordet mit System

 

Marc Neumann, Washington (DC)

Eine neue Gedenkstätte in den USA fokussiert auf die an Afroamerikanern begangenen Lynchmorde. Betrachtet man das Thema genauer, kommt eine andere, weitgehend unbekannte Geschichte der Mob-Gewalt gegen Mexikaner ans Licht.

Excerpt:

Täuschende Statistiken

Wiederholt betonen Carrigan und Webb, dass der Hinweis auf mexikanische und andere Lynch-Opfer die grausame Ausnahmestellung, welche die Black Community in dieser Hinsicht einnehme, keineswegs relativiere. Im Gegenteil, ihre Erkenntnisse erweiterten das Verständnis des Phänomens und würden von vielen Seiten als Erkenntnisgewinn begrüsst, teilten die Historiker auf Anfrage der NZZ mit. So erhellt beispielsweise der Blick auf die demografischen Kategorien, die bei der Zählung von Lynching-Opfern angewendet wurden, ihrerseits die Geschichte der Rassenpolitik.

Wo nur nach grober Schwarz-Weiss-Einteilung gerechnet wurde, tauchten Mexikaner, amerikanische Ureinwohner, Chinesen und braunhäutige Südeuropäer in historischen Statistiken, etwa von James Cutler oder Monroe Work, als «weisse» Opfer auf. Im Verhältnis dazu erschien der Anteil der afroamerikanischen Opfer kleiner, derweil andere Ethnien in der Statistik gar nicht auftauchten. Andererseits legt das mexikanische Beispiel den Schluss nahe, dass Lynchen nicht nur ausgearteter Rassismus einiger weniger Extremisten war, sondern eine gegenüber verschiedenen Minderheiten systematisch angewandte extralegale Taktik zur Durchsetzung politischer und sozialer Machtverhältnisse in den noch jungen und expansionistischen USA.

Topografie des Tötens

Interessant finden diesen Themenkomplex nicht nur Historiker. Auch zeitgenössische Künstler wie Vincent Valdez oder Ken Gonzales-Day nehmen sich des Gegenstands in ihrer Arbeit an. Um an die historische Dimension der Gewalt gegen Mexikaner zu erinnern, malt der aus San Antonio stammende Valdez zeitgenössische Latinos (in Basketballer-, Musiker- oder Hipster-Kluft) in beklemmenden Posen von Erhängten. Gonzales-Day rekonstruiert die Geschichte der Lynchings von Mexikanern insbesondere in seinem Heimatstaat Kalifornien; in Los Angeles spürte er sogar den Orten nach, wo einst die Galgen aufgerichtet wurden. Die Topografie vergessener Orte von Lynching-Verbrechen an Mexikanern machte er unlängst im Rahmen der Ausstellung «Unseen» in der Washingtoner National Portrait Gallery sichtbar.

Auch ausserhalb der Kunstwelt wirft die Erinnerung an die vergessene Geschichte der Lynchmorde an Mexikanern und anderen Minderheiten Licht auf eine laufende Debatte. Sie liefert einen historischen Kontext, in dem Ausfälle gegen Mexikaner als «Vergewaltiger und Kriminelle», vor denen man die amerikanische Bevölkerung mit Mauern schützen müsse, besser eingeordnet, kritisiert und zurückgewiesen werden können.

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